Der Tagesspiegel

über „Krokus" und „Ein langer Brief an September Nowak"

10.09.2010

Die Welt am Stiel

von Christian Schröder

Blasmusik, Klavierballaden und Bratwurstreime: DieKölner Band Erdmöbel rettet mit ihrem Album „Krokus" den deutschen Pop. Eine Begegnung

Für ein Haus, das Gäste aufnimmt, ist dies ein außergewöhnlich ungastlicherOrt. Vor dem 14-stöckigen Hotel, das gegenüber dem Shoppingcenter „ForumLandsberger Allee" aufragt, rauscht der Autoverkehr sechsspurig vorbei. GraueWolken hängen über den Plattenbauten, die im Hintergrund den Blick verstellen.„Schön ist anders", sagt Ekki Maas. Und Markus Berges ergänzt: „Die Sachen, dieschön scheiße sind, die sind vor allem schön. Aber es gibt Sachen, die einfachnur scheiße sind." In welche Kategorie für ihn das Neubauhotel am BerlinerStadtrand zählt, verrät er nicht.

Doch dieser Unort, genauer gesagt: Die Bar im Erdgeschoss, wo dieKunstledersessel so zwanglos gruppiert sind wie in einem Möbelmarkt und dieBilder eines Nachrichtensenders tonlos über einen Großbildschirm flimmern, istgenau der richtige Platz, um mit dem Gitarristen und dem Sänger der Kölner BandErdmöbel ein Gespräch zu führen. Denn darin sind sie Experten: im Hässlichendie Poesie zu entdecken. „Fremdes, Billiges, Lautes und Hässliches", so lautetein Refrain auf ihrem neuen, in der nächsten Woche erscheinenden Album „Krokus"(Edel Records). Da skandiert Berges zu sanft tutenden Bläsern und reggaeartigtorkelnden Bässen: „In den Himmel hat sich meine Stadt gegossen / FeineSchweineleberwurst im goldenen Darm / Wann kommt denn jetzt das Riesenrad, sowas like Bierbike mein ich."

Ein Genrebild des Grauens, die Stadt als Beute einer aus dem Ruder laufendenSpaßgesellschaft. Man kann „Fremdes" – so der Titel des Songs – alsHassliebeserklärung an Köln verstehen, die Stadt, die ihre Besucher gleich beider Ankunft auf der berüchtigten Domplatte am Hauptbahnhof mit Bratwurstduftempfängt. Oder als kulturkritischen Befund: Das Monströse ist auf demVormarsch, immer und überall. „Wenn man gerne in Köln wohnt, dann deshalb, weiles dort so schön hässlich ist", bekennt Maas. Und Berges präzisiert: „Bei demRiesenrad habe ich eher an diese Pläne in Berlin gedacht, wo Investoren ja oftRiesiges versprechen und öffentlichen Raum nehmen, um privates Geld zuverdienen." Dann streiten die beiden Mitvierziger noch kurz darüber, wo siezuletzt ein „Bierbike" – ein sogenanntes Spaßfahrrad, bei dem eine Gruppe meistbetrunkener Fahrer strampelnd an einem Tresen hockt – gesehen haben. Vorgesternin Hamburg oder gestern Abend Unter den Linden?

Die Hässlichkeit der Welt ist der Nährboden, auf dem die Songs von Erdmöbelin ihrer ganzen Pracht emporwachsen. Mit „Krokus", ihrem achten Studioalbum,ist es der Band gelungen, die bislang schönste deutschsprachige Platte desJahres aufzunehmen. In „Brasilia", einem Liebeslied vor Urlaubskulissen,schunkelt ein Akkordeon im Latin-Modus, und das Schlagzeug rumpelt polkaesk.Die Ballade „Wort ist das falsche Wort" betört mit gedämpften Trompeten,hingetupften Piano-Ornamenten und wehklagenden Soul-Akkorden. Und in„Snoopy-T-Shirt" schwebt Berges' säuselnder, seufzender Gesang überBläserwolken und einem Gute-Nacht-Klavier.

Die meisterlichen, gelegentlich in die Gefilde von Orchesterjazz undEdelschlager driftenden Bläserarrangements sind ein Alleinstellungsmerkmal vonErdmöbel im deutschen Pop. Die Band kennt sich aus in derEasy-Listening-Filmmusik der sechziger Jahre, davon zeugt das Instrumental„September Nowak", das am Ende der Platte Henry Mancini und Burt Bacharach huldigt.Und sie liebt den englischen Film „Brassed Off" über eineBergarbeiterblaskapelle, genauer gesagt: den Klang dieser Blaskapelle. „Dieschmettert nicht wie eine deutsche Blaskapelle", sagt Berges. „Das ist ein vielweicherer Klang. Da spielen eben keine Trompeten, sondern Flügelhörner, undkeine Posaunen, sondern Tenorhörner." Mit Blaskapellen kennt der Sänger sichaus. Als Jugendlicher hat er in seiner Heimatstadt Telgte selber in einergespielt.

Der Name Erdmöbel, angeblich ein DDR-Sarg-Synonym, wedelt mit seinerWitzigkeit und führt auf eine falsche Fährte. Denn Berges spielt zwar in seinenTexten mit Worten, aber ein Humorarbeiter ist er – der Groteske mancher von ihmbesungenen Szenarien zum Trotz – eher nicht. Erdmöbel sind erklärte Anti-Ironiker.„Die Rücknahme von Aussagen haben wir uns immer verboten", sagt Maas. Ein wenigerinnert der Weg von Erdmöbel vom Indie-Rock zum Wohlklang-Pop an Blumfeld. DerUnterschied: Erdmöbel haben ihn schneller zurückgelegt.

War das Debütalbum „Das Ende der Diät", 1996 veröffentlicht, noch vonscheppernden Gitarren geprägt, ließ die Band drei Jahre später mit demNachfolger „Erste Worte nach Bad mit Delfinen" den Krach schon wieder hintersich. Danach ging es immer mehr um musikalische Verfeinerung. Gegründet wurdeErdmöbel in Münster, dann zogen die Musiker nach Köln, wohin sie 1998 auch ihrStudio nachholten. Bekannt wurden sie 2007 mit dem Konzeptalbum „No. 1 Hits",für das sie internationale Hitparaden-Spitzenreiter eindeutschten. Aus „AWhiter Shade of Pale" machten sie „Fahler als nur fahl", aus „Smells Like TeenSpirit" ein kongeniales „Riecht wie Teen Spirit". Das Feuilleton warbegeistert. „Die einzig angemessene Chart-Platzierung für unsere Platte wärePlatz 1 gewesen", sagt Berges. Es wurde Platz 59.

Markus Berges trägt auffällige Second- Hand-Anzüge und eine betont unhippeKassengestellbrille. Er ist Berufsschullehrer mit halber Stelle. Und Dichter.Seine Songtexte reihen Alltagsminiaturen, Schlagzeilen und Assoziationenaneinander, sie sind manchmal surreal, manchmal dadaistisch und immer ziemlichüberkandidelt. Wenn Berges Flussnamen aufzählt, sind es seltsame: „Sorpe,Banfe, Schobse, Milz". Selbst ein Wortungetüm wie „Kassenhäuschen derStadtverwaltung" weiß er noch mit der Erotik der weiblichen Beine darin zukombinieren. Und ein verrutschter Reim wie „Ja, es war ein Gefühl, als wiehielt ich die Welt am Stiel" gehört unter Genialitätsverdacht. Schön auchBeobachtungen über Chefs („Vor dem Portal im Pförtnerrauch die Bosse auchschnippen Kippen in die Gosse") und Angestellte („Steckt sie im Klo sich einenFeigling in den Hals / Der brennt ihr wie Marktpoesie rundum als Schlangetätowiert").

Kürzestgeschichten, doch der Autor beherrscht auch die Langstrecke. NächsteWoche erscheint gleichzeitig mit der Erdmöbel-Platte Berges' Debütroman „Einlanger Brief an September Nowak" (Rowohlt Berlin, 206 S., 18,94 €). Einewestfälische Abiturientin besucht eine Brieffreundin in Nizza, die sich alsSchwindlerin entpuppt. Statt reich und glamourös ist sie arm und übergewichtig.Die Westfälin fühlt sich verraten, fährt alleine weiter. Ein Desillusionierungsroman,der zum Reisetagebuch wird. Die Geschichte ist so ähnlich tatsächlich passiert,Berges ist sie von einer Freundin erzählt worden. „Der Roman handelt auch voneinem Weg zur Kunst, aber ich habe versucht, das nicht so auszustellen", sagtBerges. Er ist ein Künstler, will es aber nicht so laut sagen.

KONZERT Erdmöbel eröffnen ihre Deutschland-Tournee am Freitag, 17. 9., imBerliner Lido, 20 Uhr