Berliner Zeitung

Die Welt schaukelt unter ihrer Geschichte

Mit "Ein langer Brief an September Nowak" legt Erdmöbel-Sänger Markus Berges seinen Debütroman vor: die bezaubernde Erzählung von einem Mädchen aus der westfälischen Provinz

Benjamin Renger

Die Sommerferien bei ihrer Brieffreundin aus Monaco hatte Betti sich anders vorgestellt: "Hinter der Mauer sieht sie ein Baustofflager, Gleise, Güterzüge. Es ist Zeit zu weinen." Man möchte Betti, das Mädchen aus der westfälischen Provinz, in den Arm nehmen, weil es sich von einer Unbekannten jahrelang hat täuschen lassen: Brieffreundin September Nowak ist in Wirklichkeit nicht cool, sondern unverschämt; ihr Zuhause eine Bruchbude. Doch Betti braucht gar keine Hilfe. Sie schlägt sich auf eigene Faust und ohne Nachricht an die Eltern durch Südfrankreich durch; als eine Anhalterin, die Walter Benjamin zitiert: "Das Kristall des Lebensglücks besitzt nur, wer es nicht versäumt hatte, einmal als Kind den Eltern fortzulaufen."

Mit "Ein langer Brief an September Nowak" legt Markus Berges, Kopf der Kölner Band Erdmöbel, seinen Debütroman vor. Es ist eine unsentimentale, lustige, nach Hormonen riechende Erzählung über einen Teenager, der die Selbstbestimmung entdeckt. Ob die Erlebnisse nach der Flucht vor der Brieffreundin - Betti stürzt sich mit einer verrückten deutschen Frau und deren Sohn in einen Road Trip, später tritt sie einem älterem Verehrer wegen seiner Avancen ins Gemächt - nur ihrer Fantasie entspringen, spielt gar keine Rolle. Es geht dem Autor Berges um die innere Freiheit und die Entdeckung wilder Gedanken. Und in seiner Sprache ist die junge Frau (glücklicherweise) auch nicht das klischeehaft aufblühende Blümchen, sondern ein Mensch, der auf seiner Reise durch den Sommer schwitzt, in Duschen pinkelt, der schwarze Fußsohlen hat und, wenn der Magen rebelliert, sich fast in die Hose macht. Doch was das für ein tolles Gefühl sein kann. Berges beschreibt das so: "Betti stank nach Schweiß und war frei."

Mit seiner Band Erdmöbel hat Markus Berges gerade deren sechstes Album "Krokus" veröffentlicht, die Songs werden bei seiner Lesung aus dem Roman live vorgestellt. Man muss nur Berges Stimme hören, wie er in Liedern, etwa: "77ste liebe", die Worte "Rosen, Ochsen, Holz, Turmalin, Krepp, Petersilie, Seife, Feldspat, Nickel, Pferdehaar" aneinanderreiht, als ließe er einen Bewusstseinsstrom frei fließen - im Kopf des Hörers geht es dabei über Wiesen.

Das letzte Lied auf "Krokus" heißt "September Nowak", wie die Brieffreundin aus dem Roman. Es ist ein rein instrumentales, gitarrenbetontes, optimistisches Stück. Es ist wie ein wortloses Angebot: sich seine eigene Reise zurechtzulegen. Denn Berges selbst hat alles schon gesagt.

 

Foto: Und wir dachten, diese Art Künstler sei ein Auslaufmodell: Markus Berges (stehend) ist nicht nur Sänger und Texter der Band Erdmöbel (aktuelles und hochgelobtes Album "Krokus"), sondern auch noch ein geistreicher Erzähler ("Ein langer Brief an September Nowak").

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